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WEIN & CORONA

WEIN & CORONA

Autorin: Birgit Kowarik | 25.04.2020

Gut Ding braucht Weile – diese alte Binsenweisheit hat auch in Zeiten wie diesen ihre Gültigkeit Das gilt zumindest für die Autorin dieses Beitrages, die sich in nach einer Reflexionsphase entschlossen hat, über mögliche sozioökonomischen Auswirkungen der Corona virus desease 2019 (Corona) – Pandemie und ihren Einfluss auf die Weinbranche zu schreiben. Für die Autorin ist ebenfalls ein enger thematisch Bezug vorhanden, da sie als Selbständige in der Weinbranche unmittelbar von den Corona-bedingten Maßnahmen betroffen ist.
Gleich vorab: Meinungen und zukünftige Prognosen, welche in diesem Beitrag zu finden sind, spiegeln den gerade aktuellen Kenntnisstand, die persönlichen Ansichten und Erfahrungswerte der Verfasserin wider.

Ausnahmezustand
Die heimische Weinbranche befindet sich bereits im zweiten Monat im Ausnahmezustand. Die Gründe hierfür sind hinlänglich bekannt. Ein anfänglich scheinbar harmlos wirkender Virus, dessen Ursprünge wahrscheinlich in China liegen, brachte bislang fast die gesamte Weltwirtschaft zum Erliegen. Die Bevölkerung kann bzw. darf sich kaum frei bewegen, das öffentliche Leben ist (noch) massiv eingeschränkt und die Exekutive kontrolliert strikt die Einhaltung der gesetzten Maßnahmen. Die medial verbreiteten Zahlen und Statistiken über Infektionsverläufe werden auf globaler Ebene teilweise intransparent kommuniziert und tragen somit auch zur Verunsicherung innerhalb der österreichischen Bevölkerung bei.

Die durch die Corona-Pandemie hervorgerufene Krise hat natürlich Auswirkungen auf den wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Status eines jeden Landes. Über mögliche Folgen wurden bereits viele Thesen von mehr oder weniger bekannten und teilweise selbst ernannten Experten getroffen. Da Existenzängste, soziale Isolierung und Überforderung immer Emotionen jeglicher Art hervorrufen, und Menschen mit ihren persönlichen Ansichten und Sorgen höchst unterschiedlich umgehen, ist es recht schwierig, mittel- bis langfristig treffsichere Prognosen über  wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen zu treffen.

Kulturgut Wein
Beginnen wir mit den wirtschaftlichen Aussichten dieser Krise mit Hauptaugenmerk auf die Weinbranche, da eine allumfassender sozio-ökonomische Betrachtung den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde.

In Österreich hat Wein immer schon einen hohen kulturellen Stellenwert genossen. Insbesondere in den letzten 20 Jahren konnte sich der Österreichische Wein verstärkt auf dem internationalen Weinmarkt behaupten. Autochthone Rebsorten wie Grüner Veltliner und Blaufränkisch, gepaart mit einem hohen Qualitätsniveau, genießen bereits seit Langem internationale Bekanntheit. Vor allem größere Weingüter haben sich auf den Export spezialisiert, während der überwiegende Anteil an Klein- und Mittelbetrieben auf sanften, regionalen Tourismus und lokale Vermarktungsmöglichkeiten setzt.

Bunter Vertriebsmix
Die in Österreich sehr heterogene Weinlandschaft besteht aus einem bunten Mix aus Tradition und Moderne. Einerseits hat die Digitalisierung noch nicht in allen Weinbautrieben Einzug gehalten, andererseits vertreiben immer mehr Winzer*innen ihre Weine bereits zusätzlich über Online-Plattformen. Von immenser Bedeutung ist die, in den vergangenen zehn Jahren immens voranschreitende, Digitalisierungswelle allemal. Sind doch in den letzten Monaten für viele Weinbaubetriebe – neben den Direktlieferungen – Webshops die einzige Möglichkeit, ihre Weine zu vermarken.

Ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist das emotionale Erlebnis des Weineinkaufes direkt am Weingut. Da derzeit Weinverkostungen sowie Gespräche in Weinbaubetrieben nicht möglich sind entfällt auch der vertrauensbildende Kundenkontakt. Der beliebte Ab-Hof-Verkauf bzw. die Ab-Hof-Abholung, ist – obwohl eigentlich (wieder) gestattet, fast vollständig zum Erliegen gekommen. Viele Konsumenten sind aufgrund potentieller gesundheitlicher Risiken sowie aufgrund der herrschenden Ausgangsbeschränkungen verunsichert und bevorzugen die sogenannte „kontaktlose Lieferung“ über diverse Lieferdienste. Dass diese zur Zeit Hochsaison haben, ist nicht weiter verwunderlich, da der Trend zum Online-Shopping schon vor Corona-Zeiten hohe Zuwachsraten verzeichnet hat.

Preisdumping
Einige Winzer berichten zwar von steigenden Versandhandelsgeschäften, sind jedoch generell mit stark sinkenden Absatzahlen konfrontiert, da derzeit viele Kooperationen im Veranstaltungs- und Gastronomiegewerbe völlig entfallen. Um diesen Umsatzrückgang einigermaßen zu kompensieren, wird jetzt vermehrt mit ungewöhnlich hohen Rabatten geworben, um damit primär Endverbraucher anzusprechen. Die Rabattspannen bewegen sich hierbei zwischen 10% und 30%. Fast alle Online-Shops bieten zusätzlich einen kostenlosen Versand für Lieferungen innerhalb von Österreich.

Dieses Werben ist zwar positiv für den Konsumenten, da jetzt Weine so günstig wie selten auf dem Markt zu haben sind, dennoch bergen hohe Nachlässe immer die Gefahr eines Preisdumpings. Das bedeutet, dass auf dem Exportmarkt (B2B) mittel- bis langfristig niedrigere Preise verlangt werden könnten als am Inlandsmarkt selbst. Wie sehr dieses wirtschaftliche Phänomen des Preisdumpings nach dem Wiedererstarken des globalen Handels zum Tragen kommen kann, hängt auch stark mit der politischen Ausrichtung des jeweiligen Exportlandes zusammen. Derzeit lassen sich aus der medialen Berichterstattung verstärkt nationalen Präferenzen zum Schutze der jeweiligen Volkswirtschaften ableiten. Wie sich diese Abschottungen auf den globalen Weinmarkt auswirkt ist derzeit noch nicht absehbar, da sich die meisten Länder noch im verschärften Krisenmodus befinden.

Weingenuss zu Hause
Interessant zu beobachten sind die derzeitigen Entwicklungen im Bereich des Weingenusses. In diesem Zusammenhang ist darunter die Konsumation von Wein im privaten Bereich und in öffentlich zugänglichen Lokalitäten zu verstehen. Nachdem der öffentliche Weinkonsum, sehr zum Leidwesen der Hotel- & Gastronomiebranche sowie für Veranstalter rund um das Thema Wein, bereits seit mehreren Wochen nicht möglich ist, beschränkt sich dieser fast ausschließlich auf den privaten Bereich. Hier stellt sich die Frage, inwieweit Herr und Frau Österreicher ihre Trinkgewohnheiten 1:1 in die privaten Räumlichkeiten verlagert haben?

Valide Zahlen gibt es derzeit noch nicht, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass sich aufgrund der Krise Qualität und Quantität des Weingenusses verändert haben bzw. sich noch weiter verändern werden. Keine Zusammenkünfte von Freunden und Familie, finanzielle Sorgen oder einfach das Fehlen eines passenden Umfeldes wie z. B. der Besuch des Stammlokales fördern nicht gerade den Absatz von Wein. Dennoch nutzen auch viele Weinliebhaber*innen, vor allem jene in häuslichen Gemeinschaften zusammenlebend, im „Jetzt erst recht“ – Modus diese ungewöhnlichen Zeiten, Wein bewusster und/oder verstärkt zu konsumieren.

Für Single-Haushalte ist jedoch davon auszugehen, dass das Fehlen eines geselligen Elementes einen groben Einschnitt im individuellen Wohlfühlbereich bedeutet. Allerdings werden jene Personen, die sich auch vor der Krise alleine das eine oder andere Glas Wein genehmigt haben, Wein in Krisenzeiten – mitunter auch mengenmäßig verstärkt – genießen. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass – falls überhaupt – erst bei einer Lockerung der Ausgangsbeschränkungen und einem Wiederhochfahren der Gastronomie und Freizeitwirtschaft eine Rückkehr zu den alten Konsumgewohnheiten möglich sein wird.

Physical Distancing in der Gastronomie
Einige mögen vielleicht die eher unangenehme Vorstellung im Kopf haben, dass in naher Zukunft Wein in der Gastronomie nur mehr mit Mundschutz konsumiert werden darf. Diese und andere Szenarien, welche gleichermaßen von der Konsumenten- als auch von der Betreiberseite als verstörend wahrgenommen werden, sollten jedoch relativiert betrachtet werden. Keine Frage, ein geselliges und gemütliches Beisammensein unter Einhaltung von Mindestabständen und das Tragen eines Mundschutzes mag die Vorfreude auf die Wiedereröffnung der Restaurants ein wenig trüben. Jedoch ist davon auszugehen, dass nach einem nachhaltigen Abflachen der Infektionskurven die Verhältnismäßigkeit diverser Maßnahmen (hoffentlich) genauer evaluiert wird. Es liegt im Interesse aller, dass gerade jetzt die – stark von den Maßnahmen betroffene – Tourismus- und Freizeitbranche jedmögliche Unterstützung erhält. Zumal beim Verfassen dieser Zeilen absehbar ist, dass eine allumfassende Mundschutzpflicht in der österreichischen Gastronomie über einen längeren Zeitraum nicht eingeführt wird. Ebenso werden wir mittel- bis langfristig nicht dazu angehalten werden, im Lokal ein Glas Wein alleine genießen zu müssen. Vielmehr werden die Abstände der Tische zueinander erweitert werden. Hand aufs Herz, wen stört es tatsächlich, wenn Tischnachbarn nicht alle Gespräche mitverfolgen können und dadurch ein wenig mehr Privatsphäre geschaffen wird?

Anpassung des Weinkonsums
Die Frage nach dem Zeitpunkt, wann sich der Weinkonsum der Österreicher*innen wieder auf Vorkrisen-Niveau begibt, verleitet in diesen Tagen zur Verwendung des – von heimischen Politikern bewusst eingesetzten – Begriffes der „neuen Normalität“. Aus sozio-ökonomischer Sicht ist dieser Kandidat zum „(Un)Wort des Jahres 2020“- jedoch mit Vorsicht zu genießen. Es ist ganz natürlich, dass aus jeder Krise Veränderungen und Neuerungen resultieren. Abgesehen davon, dass Gesellschaften immer schon ihre Traditionen, Werte und Gewohnheiten im Laufe der Zeit weiterentwickelten. Einen maßgeblichen Einfluss nimmt dabei auch der Zeitgeist. Beispielsweise lagen in den 90er Jahren schwere und holzbetonte Weine stark im Trend. Gegenwärtig werden jedoch eher Terroir-betonte und naturbelassene Weine verstärkt nachgefragt.

Das bedeutet in der heutigen Situation, dass der Konsument zukünftig veränderte Rahmenbedingungen für den Weinkonsum vorfinden wird. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Rückzug ins Private zunimmt, und dass die Gastronomie dabei verstärkt als Partner für private Feiern und Veranstaltungen fungiert. Unter dem Motto „Klasse statt Masse“ werden wir mitunter auch beginnen, uns bewusst für den individuellen und qualitativ höherwertigen Weingenuss zu entscheiden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es Veränderungen geben – Veränderungen, welche über kurz oder lange auch ohne die Krise eingetreten wären. Jetzt liegt es auch an uns, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen. In diesem Sinne, sehr zum Wohle und gönnen Sie sich ein gutes Glas Wein!